Ferne Welten
Güterzüge zogen ratternd vorbei, während Wetterleuchten den wolkenverhangenen Himmel erhellte. In einen Mitleid erregenden, burgundfarbenen Mantel gehüllt saß Vincent fröstelnd auf einer unbequemen Holzbank am Ende des Bahnsteigs, in der einen Hand einen Becher mit längst erkaltetem Kaffee, in der anderen ein in Packpapier geschlagenes Buch. Er hoffte inständig, es würde nicht anfangen zu regnen, denn die von Rost zerfressene Überdachung des schäbigen, verlassenen Bahnhofs war kaum mehr als ein Gerippe. Sie wirkte wie eine riesige, eiserne Flechte, und sah somit zwar spektakulär aus, würde aber vor Regen kaum Schutz bieten. Der Bahnhof befand sich am Rande einer Geisterstadt und wurde schon seit Jahrzehnten nicht mehr offiziell angefahren. Die Gläser der Uhren waren gesprungen, die Zeiger in einer anderen Zeit stehen geblieben, auf den Auskunftstafeln waren Verbindungen zu Orten angeschrieben die längst ihren Namen geändert hatten. Auf der Werbefläche am Bahnsteig gegenüber warb ein verblasstes Plakat für Kolonialwaren.
Es war zwei Uhr morgens. Alle paar Minuten blickte Vincent ungeduldig auf seine Armbanduhr und wartete angestrengt lauschend auf das Geräusch einer Lokomotive. Frank verspätete sich. Dabei wusste er doch, wie wichtig ihm Pünktlichkeit war. Eine halbe Stunde verging. Dann, endlich, erblickte er in der Ferne den schwachen Schimmer eines Scheinwerfers. Das Licht kam näher und Bremsen kreischten, bis schließlich eine alte, rot lackierte Diesellok im Bahnhof zu stehen kam. Es war ein amerikanisches Modell, stromlinienförmig, wie eine Zukunftsvision der Vergangenheit, umgeben von der Aura einer großartigen Ära. Die angehängten Wagons erstreckten sich weit in die Nacht.
Eine Türe öffnete sich und ein kleiner Mann stieg aus, mit schütterem Haar, Brille und einem, wie Vincent fand, albernen Pullunder. In der Hand trug er eine Nachtwächterlaterne, auf den Lippen ein breites Lächeln. „Alles einsteigen! Halten Sie Ihre Tickets bereit und achten Sie auf die Stufen“, rief er gut gelaunt. „Hallo Frank“, entgegnete Vincent mürrisch und stieg ein. „Dein Hang zur Theatralik war schon immer etwas merkwürdig“, meinte er und blickte stirnrunzelnd auf die flackernde Laterne, während der alte Mann ihn nach Innen führte. „Eineinhalb Stunden warte ich in eisiger Kälte auf diesem gottverlassenen Bahnhof und du begrüßt mich, als wärst du der Schaffner des Polarexpress“. Doch lange konnte er seine schlechte Laune nicht aufrecht halten, zu sehr freute er sich, wieder an Bord zu sein.
Die bunt zusammengewürfelten Wagons des Zuges waren Überbleibsel eines Zirkus, der auf der Suche nach Publikum das ganze Land durchstreift hatte, bis das Publikum schließlich genug von altersschwachen Elefanten und traurigen Clowns hatte. Einige der Wagons waren seit dem unverändert geblieben und beinhalteten kaputte Scheinwerfer, bunt bemalte Podeste und von Motten zerfressene Kostüme, die mehr wie Requisiten aus einem Film als wie historische Artefakte der Showbiz-Vergangenheit wirkten. Die meisten waren jedoch neu eingerichtet und beinhalteten die erstaunlichste und wundervollste Sammlung kreativer Werke, die Vincent je gesehen hatte. Ein Archiv handgezeichneter Landkarten gab es da, Kisten voller Notenblätter, Aktenschränke gefüllt mit Fotografien. In einem Wagon standen Ölgemälde, ein andere widmete sich ganz der Musik. Platten drehten sich auf Grammophonen und schickten sanfte Töne durch große, glänzende Trichter, Albumcover reihten sich an den Wänden wie Bilder einer Ausstellung. Ein Mobile aus MP3-Playern hing von der Decke und der Schein der Displays tauchte den Raum in dunkelviolettes Licht. Ein Abschnitt des Zuges war der Gärtnerei gewidmet, Buschwindröschen und Fingerhut blühten hier auf moosbewachsenem Boden unter einem gläsernen Dach.
Im vorderen Teil befand sich eine Bibliothek. Dies waren die einzigen Wagons, die früher im regulären Bahnverkehr zum Einsatz gekommen waren, wo sie ihre Passagiere, wie nun die Bücher ihre Leser, in Abenteuer und ferne Länder mitnahmen. Jedes der Abteile deckte ein anderes Themengebiet ab. Frank saß gerne mit heißem Kakao in der maritimen Abteilung und las Bücher über gesunkene Schiffe, während in seiner Tasse wie ein kleiner Eisberg ein Marshmallow dümpelte. Die Gepäckablagen eigneten sich gut zum Aufbewahren der Bücher, darunter waren Regalbretter eingezogen und die weniger bedeutsamen Schriftstücke waren in Kartons unter den Sitzen verstaut. Auch die Enzyklopädie der Tiefseefische hatte er dort hin verbannt, denn sie waren ihm ein wenig unheimlich.
Sie saßen an einem Schreibtisch im Wagon direkt hinter der Lok. Frank hatte beiden dampfenden Tee eingeschenkt und Vincent überreichte ihm endlich das in Packpapier eingewickelte Buch, welches er so lange mit sich herumgetragen hatte. „Ich hab es in einem Bergdorf gefunden, in einem heruntergekommenen Spielwarengeschäft“, sagte er. „Was ist es?“ fragte Frank und nahm es erwartungsvoll entgegen. So viele hatte er nun schon gesammelt und dennoch war da immer dieses neugierige Leuchten in seinen Augen, wenn er ein weiteres in den Händen hielt, wie bei einem Kind, das ein neues Spielzeug auspackt. Das Buch war klein und in vergissmeinnichtblaue Leinen gebunden. „Es ist ein Kinderbuch“, antwortete Vincent. Frank nickte kaum merklich während er die illustrierten Seiten durchblätterte und der Geruch des vergilbten Papiers alte Erinnerungen weckte. „Ja, ich kenne es“, murmelte er. „Es erzählt von einer fernen Welt, von dunklen Gestalten und Freundschaft, von Irrlichtern und Brausebonbons“. Dann stand er auf und ging den Gang entlang, bis er an ein Abteil gelangte, in dem bereits Dahl und Caroll und Funke saßen und stellte es vorsichtig ins Regal. „Solange es Geschichten gibt, gibt es Hoffnung“, sagte er leise. Dann wandte er sich wieder Vincent zu und sagte: „Danke“.
